Kunst als Tankstelle für gesellschaftliche Innovation

Auszug aus einem Interview mit Joachim Eckl

 

Dr. Walter Spielmann: Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, dass Sie mit Ihrer Arbeit auf spirituelle Entwicklung, vielleicht könnte man auch sagen, auf die Förderung eines ganzheitlichen Bewusstseins abzielen. Kann und soll künstlerisches Schaffen auf gesellschaftliche und politische Veränderungen hinwirken?


Joachim Eckl: Ja, und ganz klar ja. Ich bin diesbezüglich auch deswegen so sicher, weil ich nicht zuletzt durch die Arbeit von Joseph Beuys verstanden habe, dass wir in gewisser Weise das Ende der Kunst erreicht haben.


Wie ist das zu verstehen?


In der Musik, der Literatur, der Skulptur und Malerei haben die unterschiedlichsten Völker und Menschen die Kunst bereits in höchster Form entwickelt. Denken Sie etwa an die Skulpturen der griechischen Antike. Man kann sie heute anders, aber sicherlich nicht besser machen. In dieser Hinsicht - und das gilt auch für andere Künste - wurde ein Maximum erreicht. Als Vertreter eines erweiterten Kunstbegriffs geht es mir nun darum, Kunst nicht mehr nur in den klassischen Medien anzuwenden, sondern in der Gesellschaft wirken zu lassen. Die Gesellschaft selbst wird zum Kunstraum, in dem Ideen zu Idealen entwickelt werden.


Durch Kunst soll das Potenzial der Menschen geweckt und gefördert?


Es geht darum, den Gestaltungswillen der Individuen zu schüren. Dabei ist es wichtig, dass alle mitmachen. Es gilt nicht zuletzt, die heute bestehenden Machtagglomerationen zu zerschlagen und in kleineren Einheiten zu organisieren. Dazu ist es wichtig, dass jeder Mensch sein kreatives Potenzial zunächst erkennt und den Willen zur Gestaltung entwickelt.


Wie soll das konkret erreicht werden?


Durch die Arbeit der Künstler als Impulsgeber. Ich glaube daran, dass die Kraft der Visionen die Energie zum Handeln generiert. Ich arbeite mit schönen Bildern. Ich arbeite nicht mit hässlichen Bildern, sondern vertraue auf positive Werte.


Können Sie das an einem Beispiel darstellen?


Selbst wenn ich Absurditäten und die Problematik der autozentrierten Mobilität wie derzeit im „Grand Prix der Pendler" zum Thema mache, zeige ich einen Verkehrsfluss, der im Grunde ästhetisch ist.


Ist Mobilität ästhetisch?


Durchaus. Ich finde am Auto selbst auch Gefallen und es wäre falsch nur gegen das Auto zu argumentieren, wenn ich Menschen erreichen möchte. Ich weiß natürlich, dass wir aus ökologischer Perspektive mit dem Autofahren aufhören sollten, aber es erscheint mir wichtig, die Menschen über eine positive Motivation zu erreichen. So können Sie sich selbst einbringen und eher zur Problemlösung beitragen.


Kunst ist für Sie zugleich ein Medium des Erinnerns, des genauen Hinschauens und des Vorausschauens. Inwieweit bedingen dabei Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einander?


Ich möchte das am Beispiel der Venus von Willendorf erläutern. Diese Figur ist, dem allgemeinen Verständnis nach, ein Symbol der weiblichen Fruchtbarkeit. Skulpturen dieser Art sind vor rund 20.000 Jahren in aller Welt aufgetaucht und von den Menschen „erfunden" worden. Das ist ein Meilenstein, denn so wurde kollektive „Erinnerung" transformiert, über die Skulptur sozusagen zu einem Allgemeingut, vom Inneren zum Äußeren. Aus dieser Perspektive kann man sagen, dass Kultur ein Erinnerungsspeicher ist. Sie ist im eigentlichen Wortsinn „be-eindruckend", wirkt von innen, aber prägt auch die Verantwortung gegenüber der Zukunft.


Wir haben Aspekte der „Nachhaltigkeit" mehrfach umkreist. Welche Bedeutung hat der Begriff für Sie und welcher Aspekt ist Ihnen dabei besonders wichtig?


Zum Begriff der Nachhaltigkeit selbst fällt mir spontan vor allem „Inflation" ein. Das Wort „Nachhaltigkeit" ist in mehrfacher Hinsicht schwer belastet, weil es heute von jedem Unternehmen, auch von Firmen, die giftige Farben herstellen, strapaziert wird. Der Begriff ist also so schwammig, dass er kaum noch etwas aussagt. Ich verstehe unter Nachhaltigkeit vor allem eine bestimmte Form von Gedächtnis. Es geht um das Bewusstsein für die Bedeutung langfristiger Wirkungen und den Versuch, Kreisläufe zu schaffen, die in sich die Qualität einer Metamorphose haben. Gleichzeitig müssen sie aber offen sein, um auf die Notwendigkeit andauernder Veränderung reagieren zu können.


Nachhaltigkeit ist also ein evolutionäres Prinzip?


Ja, durchaus. Nachhaltigkeit bedeutet aus meiner Sicht niemals, etwas einfach zu konservieren. Diese Sichtweise ist viel zu eng!


Die Notwendigkeit permanenter Veränderung wird aber ebenso als Prinzip des technologischen Fortschritts ins Spiel gebracht. Ihnen geht es aber, nehme ich an, primär um etwas Anderes.


Ich meine natürlich etwas Zusätzliches. Nach meinem Verständnis von Nachhaltigkeit müssen wir unseren Weg immer wieder neu gemeinsam ausrichten, uns immer wieder neu orientieren. Und es wäre gut, den erfolgreichen Weg der Evolution als Maßstab im Blick zu haben und ihn gleichzeitig in seiner Beschränktheit auf seine biologisch-physische Dimension zu erkennen.


Was heißt das konkret?


Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Ich arbeite viel mit Biobauern und bin dabei zu der Überzeugung gelangt, dass es falsch ist, vorrangig die Qualität der Produkte zu beurteilen. Für mich ist ein guter Biobauer jemand, der seinen Acker und sein Land zumindest in derselben Qualität, wenn nicht sogar noch hochwertiger an seine Kinder weitergeben kann. Behandle ich den Boden gut, dann werden selbstverständlich auch die Produkte besser, aber es ist vor allem wichtig, die Unterschiedlichkeit der agrikulturellen und topographischen Bedingungen zu akzeptieren und Unterschiede als Vorteil und als Reichtum anzusehen.


Nachhaltigkeit, aber auch der Wille zur Veränderung spielt in ihrer Familie eine wichtige Rolle. Ihr Großvater hat um 1900 an der Großen Mühl das erste Elektrizitätskraftwerk gebaut, um „Licht in den Ort zu bringen". Diese technologische Pionierarbeit verstand er als ein Projekt der Aufklärung. Kann man sagen, dass Sie, in seiner Nachfolge stehend, etwas Ähnliches, wenngleich auf andere Art und Weise anstreben?


Ich versuche es. Ich glaube, dass Kunst Licht ins Leben bringen kann. Bei dem Projekt „Grand Prix der Pendler" habe ich von etwa zwanzig Kindern Briefe bekommen, über die ich sehr glücklich bin. Es ist wunderschön zu hören und zu lesen, wie Jugendliche oft unmittelbar zu begeistern sind, etwa wenn sie begreifen, dass Pendeln ein Hin und Her, also bewusste Beziehung im Raum bedeutet. Ich sehe mich in meiner Rolle als Künstler bestärkt, wenn es über künstlerische Aktivitäten gelingt, den inneren Freiraum von Menschen mit Kreativität zu bereichern und damit zu neuen, eigenen Erkenntnissen anzuregen.


Könnte dies die Gesellschaft verändern?


Davon bin ich überzeugt. Für mich ist von zentraler Bedeutung, dass möglichst jeder seine eigene Meinung entwickelt, aber nicht, dass alle dieselbe Meinung haben. Umso wichtiger ist es, Kinder für ein Thema zu begeistern.


Demnach wäre ein Künstler, eine Künstlerin vor allem ein „Kreator". Eine Art von Geburtshelfer?


Er ist Hebamme und Generator zugleich. Anders formuliert, er ist Katalysator, indem er einen Prozess in Gang setzt, den er aber auch freilassen muss. Und hier kommt für mich auch der Begriff der Schönheit ins Spiel.


Bitte erläutern Sie diesen aus meiner Sicht überraschenden Zusammenhang.


Aufgrund der Anfeindungen und Ressentiments, die ich gegenüber meiner Arbeit immer wieder auch spüre, habe ich eine distanzierte und zunehmend kritische Einstellung gegenüber dem herkömmlichen Kunstmarkt entwickelt. Ich mache dabei natürlich aus der Not auch eine Tugend, aber mich interessiert der Kunstmarkt nicht. Dem System und Prinzip, nach denen der funktioniert, billige ich nicht die Beurteilungskapazität zu, die ich für die Einordnung meiner Arbeiten als notwendig erachte. Denn mir geht es nicht darum, dass ein Kunstwerk als Ware gut funktioniert. Vielmehr ist es mein Anliegen, in einer kreativen Form schöne Gebilde zu schaffen, die einen Gestaltungs- und Erlebnisimpuls geben. Meine Arbeiten sehe ich dabei vor allem als Vorschlag zur Veränderung. Das gilt auch für das geschilderte Ägypten-Projekt, bei dem es nicht zuletzt auch darum geht, ein Bewusstsein zu schaffen um die Wasserqualität der Brunnen zu sichern. Nachdem die Nil-Überschwemmungen durch die Errichtung des Assuan-Staudamms zunehmend ausbleiben werden Unmengen von Kunstdünger eingesetzt.


Spielen vergleichbare Erfahrungen und Anliegen auch bei ihren Projekten in Oberösterreich eine Rolle?


Ja, in einem hohen Maß. Auch wir haben ja erfahren, dass die Errichtung eines Staudamms in Neufelden an der Großen Mühl gravierende ökologische Probleme hervorgerufen hat.


Das war Anlass für das Projekt der „Gemeinsamen Schöpfung"?


So ist es. In diesem Kontext haben wir als „perspektivischen Fluchtpunkt in der Wirklichkeit" ein „Impulsbüro" eingerichtet und ein umfassendes Renaturierungskonzept für die Große Mühl entwickelt, das von Bund und Land ausgezeichnet und sogar inhaltlich Teil des Regierungsprogramms in Oberösterreich wurde.


Ein beachtenswerter Erfolg auch durch und für die Kunst?


Durchaus. Kunst, die auf konkretes Handeln zielt, ist jedoch der Kunstszene nicht unbedingt erwünscht. Im aktuellen Kunstbetrieb fehlt, neben anderem, schlicht die Zeit, soziale Prozesse zu reflektieren und sich darauf wirklich einzulassen. Projekte dieser Art werden bestenfalls als „romantisch" hingestellt, da man ohnehin nichts verändern könne.


Gilt das auch für das „Pendler-Projekt"? Worum ging es dabei konkret?


Leider ja. Doch zum Projekt selbst: Ich habe ein System für elektronisches Autostoppen entwickelt und eine Software-Firma gewonnen, die dieses technisch einfache System auch realisiert hat. Mit einer anbietenden und einer nachfragenden Nummer kann man über das Handy Zeit und Ort, zum Beispiel „16:00 Uhr Neufelden", angeben. Über SMS werden dann Anbieter und Nachfragende verbunden, können direkt mit einander kommunizieren und ihr Mobilitätsverhalten kostengünstig, umweltschonend und selbstbestimmt vereinbaren.


Ein auf den ersten Blick überzeugendes Konzept, das die Bereitschaft zur Interaktion und damit auch soziale Kompetenz voraussetzt. Rechnen Sie mit breiter Resonanz?


Warum nicht. Das Projekt beruht auf dem Prinzip eines offenen Netzwerks, bei dem man sich nicht vorankündigen muss. Ich rechne damit, dass sich Pools entwickeln werden, wo etwa 30 bis 40 Menschen ihre Telefonnummern austauschen, um ihre Mobilitätsbedürfnisse miteinander abzustimmen. In Zeiten hoher Benzinpreise ist das mit Sicherheit attraktiv, finanziell, ökologisch und sozial.


Haben Sie dieses Konzepts eben erst entwickelt oder gibt es schon konkrete Erfahrungen?


Wir sind in der Prototyp-Phase. Anfang Juli wird das System im Rahmen des Pendler-Projekts in Kooperation mit dem Linzer Landestheater vorgestellt.


Wird Kunst durch Initiativen wie diese nicht auch instrumentalisiert? Bedeutet es nicht auch eine Beschränkung künstlerischer Freiheit?


Diesen Vorwurf möchte ich nicht gelten lassen. Ganz im Gegenteil. Für mich sind konkrete Folgewirkungen künstlerischer Projekte nicht zuletzt auch Teil ihrer Legitimation. Kunst muss nicht, aber darf durchaus einen konstruktiven Beitrag zur sozialer Innovation und Interaktion leisten.


Werden Sie mit diesem doch eher ungewöhnlichen Kunstverständnis von der Gesellschaft, konkret von Bund, Land und Gemeinde positiv wahrgenommen und finanziell unterstützt?


In Maßen von Bund und Land durchaus. Natürlich wäre schön, mehr Ressourcen zu haben, aber vorrangig ist für mich die Schaffung eines „fruchtbaren Klimas" als Grundlage für die Verwirklichung gemeinsamer Idee als soziale Gebilde wichtig. Dafür arbeite ich gewissermaßen mit allen Mitteln.


Müsste die Rolle des Künstlers als „ sozial kreativer Gestalter" stärker wahrgenommen und gefördert werden?


Es wäre schön, wenn Kunstschaffenden in ihrer Arbeit mehr Freiraum eingeräumt und Vertrauen entgegengebracht würde und nicht tendenziell alles im Voraus in einem bürokratischen Prozess geprüft und dadurch quasi die Flughöhe verringert würde. Wir brauchen neue Formen der Kulturförderung, die eine nährende Atmosphäre für die Umsetzung eines gemeinsamen Gestaltungswillen bieten.


Was Ihnen vorschwebt ist Kunstförderung auf Vertrauensbasis?


Richtig. Vertrauen ist die beste Voraussetzung für Kreativität, künstlerischen Erfolg und ein entscheidender Beitrag zur Verbesserung des gesellschaftlichen Miteinanders. Davon sind wir aber noch weit entfernt, denn noch gewinnen vor allem die, die am besten ihr Geschäft organisieren, die die eben marktfähig sind.


Wenn ich Sie richtig verstehe, sind auch im Bereich der Künste die Berechenbaren erfolgreich?


Genau so ist es. Ich glaube, dass wir darüber hinaus etwas Zusätzliches brauchen. Hätten wir verinnerlicht, dass die Kunst im klassischen Sinn an ihr Ende gelangt ist, dann gäbe es neue Strukturen und Ressourcen, die im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderung wie Kraftquellen, wie Tankstellen funktionieren.


Tankstellen für alle Bereiche kreativen Schaffens, Sparten zugeordnet?


J. E.: Nicht Sparten, sondern Menschen, die auf unterschiedliche Weise in und mit der Gesellschaft Kreatives auf vielfältige Art schaffen.


Eines ihrer jüngsten Projekte, „Land in Sicht", zeichnet sich durch eine besondere Vielfalt an Zugängen und Mitwirkenden aus. Da gibt es das volkstümliche Blasorchester, die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Dennis Russel Davies, die Mitwirkung von Volksschülern und vieles mehr. Wir erleben Sie, wie erleben die Mitwirkenden und BesucherInnen ein derartiges, herkömmliche Grenzen sprengendes Projekt?


Es ist für alle befruchtend und motivierend. Es ist faszinierend zu erleben, wie viele mitmachen: Heuer z.B. Edgar Honetschläger, Leo Schatzl, Österreichische Künstlerfreunde die bei der Documenta oder der Biennale in Sao Paulo vertreten waren, Martyn Jaques von den Tiger Lillies aus London, das Ballett des Landestheaters mit Jochen Ulrich und viele andere sind involviert. Das sind wunderbare Begegnungen und Vernetzungen, die hier passieren. Es profitieren alle davon, die von der Idee und dem Anliegen begeistert sind und es mittragen. Durch sein Mitwirken hat etwa Dennis Russell Davies dem Sängerbund Haslach, der seit 1833 besteht, neue Impulse gegeben. Und Beispiele wie diese wären viel zu nennen.


Für alle Beteiligten also ein unschätzbarer, materiell nicht berechenbarer Gewinn. Solche Erfahrungen haben Sie vermutlich auch in anderen Zusammenhängen gemacht.


Ja, immer wieder. Ähnliche Eindrücke gab es auch beim Migranten-Projekt „Alle im selben Boot" aus dem Jahr 2007. Hier waren mehr als 100 Mitwirkende beteiligt.


Die mit aufgebotenen Taschentücher und Handys nicht mitgerechnet! Die Besetzungsliste klingt kurios und macht neugierig. Wird es mit dem „Pendler-Projekt" so weiter gehen? Können sie darüber noch etwas erzählen?


Gerne. Der Bezirk Rohrbach, in dem ich lebe, hat etwa 56.000 Einwohner; 17.000 davon sind Pendler. Linz hat weniger als 200.000 Einwohner, bietet aber mehr als 100.000 Menschen, die außerhalb der Landeshauptstadt leben, täglich Arbeit. Von allen Städten Österreichs hat Linz den größten Anteil an Pendlern, und die Tatsache, dass wir uns hier im Zentrum von Linz treffen, um über den Zusammenhang von Kunst und Nachhaltigkeit zu sprechen, macht deutlich, worum es geht. Mit dem „Pendler-Projekt" möchte ich jedoch nicht nur das Problem darstellen, sondern auch kreative Vorschläge machen.


Ihre Vorschläge und Kunstprojekte greifen also unmittelbare regionale Herausforderungen auf.


Sie sind aus dem Leben gegriffen. Man begreift nur, was einen ergreift. Langfristige Veränderungen sind nur dort möglich, wo Menschen unmittelbar betroffen sind.


Haben Sie den Eindruck, dass die Projekte auch ankommen, in der Region nachhaltig wirken? Gibt es so etwas wie ein „Heim-Art®-Gefühl", das die Beteiligten erfahren lässt, dass sie tatsächlich etwas bewegen?


Es gibt das Gefühl, dass man nicht alleine ist, dass man sich trauen kann. Ich merke es daran, dass mich z.B. Bauern besuchen oder anrufen, um sich über ihre Nachbarn zu beschweren, wenn diese z.B. die Senkgrube widerrechtlich leeren oder wenn Bäume gefällt werden und ähnliches mehr. Es ist mir gar nicht recht und immer wieder auch unangenehm, in die Rolle des Gutmenschen oder Naturschützers gedrängt zu werden. Einerseits versuche ich mich in diesem Bereich durchaus auch zu engagieren, aber ich muss mich immer wieder auch distanzieren, weil ich mich nicht in der Rolle des Umweltschützers sehe.


Sie wollen sich also nicht für Anliegen des Umweltschutzes vereinnahmen lassen.


Richtig, denn würde dies geschehen, könnte ich meine Möglichkeiten als Künstler nicht wahrnehmen. Ich trage gerne mit Ideen auch zu entsprechenden Anliegen bei, aber ich will mich nicht vereinnahmen lassen. Ich muss mir den Freiraum erhalten, um kreativ sein zu können.


Haben Sie den von Joseph Beuys geprägten Begriff der „Sozialen Skulptur" für sich selbst weiter entwickelt und verändert?


Mit der Theorie von Joseph Beuys habe ich mich, offen gesagt, bisher nicht ausführlich genug beschäftigt, weil es mir immer vor allem darum gegangen ist, selbst Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Was mich fasziniert, ist der Gedanke, dass man auf der Basis von Visionen „soziale Organismen" schaffen kann, die über das Rationale hinaus funktionieren und tragen. Dies habe ich vor allem im Verlauf des Projekts der „Gemeinsamen Schöpfung" erfahren, als erfahrene Bauern mit einem Schöpfer und einer Wasserflasche durch den eigenen Wald zum Fluss gegangen sind, um unter dem Klang der Kirchenglocken Wasser zu schöpfen. Hätten Sie nicht gespürt (oder auch verstanden), dass es Dinge gibt, die der einzelne Mensch nicht erfassen kann, die nur als Gemeinschaft erfahrbar sind, hätten sie nie und nimmer mit gemacht. Die Kraft der Vision schafft also nicht nur individuelle Energie, sondern ist auch Voraussetzung für gemeinsames inspiriertes Handeln. Wer Geist gewinnen will muss schöpfen, muss selber kreieren!


In welchem Verhältnis stehen dabei Natur und Kultur zueinander?


Die Natur, der Ursprung und erst die Kultur schafft Gesellschaft. Je mehr es gelingt in kleinen Einheiten Soziale Skulpturen zu bilden, desto eher entstehen gesellschaftliche Prototypen, die sich am Konkreten entwickeln und vervielfältigen können. Dauerhafte Veränderung, davon bin ich überzeugt, geht vom Ideellen, von kleinen konkreten Impulszellen aus, die auf den Geist wirken.


Sie betreiben gemeinsam mit Freunden und Ihrer Familie den „Mühltalhof". Das ist der Ort, an dem Sie künstlerisch tätig sind, zugleich ist er Ort des Dialogs, der Begegnung, des Verweilens und nicht zuletzt des Genießens. Welche Bedeutung hat dieser Ort für Sie?


Meine Art Heim! Wir leben als Großfamilie zusammen. Wir, das sind die Familie meiner Frau, und meine Familie. Wir sind schon über 300 Jahre an der Großen Mühl zuhause. Am Mühltalhof leben gegenwärtig vier Generationen unter einem Dach. Er ist ein Hotel-Restaurant, das wir mit großem Anspruch, unter anderem auch mit einer ausgezeichneten Küche fast ausschließlich mit Produkten aus der Region führen. Dafür verantwortlich sind in erster Linie meine Frau, Hanni, und ihr Bruder Helmut, und die Rachinger-Oma. Auf der andern Seite der Großen Mühl habe ich die „HEIM.ART®"-Station im alten Lagerhaus eingerichtet. Meine Idee war dabei, das ehemals der Agrikultur gewidmete Gebäude nun der Kultur zu öffnen. Also von der Agri-Kultur zur Kultur. Für mich war wichtig am versorgenden und nährenden Grundgeist dieses Ortes anzuknüpfen. Kultur ist ja nicht zuletzt auch Lebensmittel. Die Kombination von gediegener Gastlichkeit auf hohem Niveau und sozialer Kreativität und Kunst macht uns, glaube ich, wirklich einzigartig.


Wird das Angebot auch angenommen?


Wir freuen uns über unsere Gäste. Es sind vor allem offene Menschen, auch Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt, die zu uns kommen. Und mit so manchen entwickeln und setzen wir gemeinsam Ideen um. Einige von ihnen - wie z.B. Klaus Rinke, Malcom Pointer, Nick Treadwell...- haben sich ja sogar bei uns in der Region niedergelassen.


Soll also auch das Projekt „Mühltalhof" in den nächsten Jahren aufgrund des bisherigen Erfolgs weiter wachsen?


Ja, aber nicht an Größe. Wir wollen nur die Qualität verbessern.


Welche Ideen beziehungsweise Visionen haben Sie für die weitere Entwicklung der „HEIM.ART®"-Station?


Langfristig plane ich den Aufbau eines lebendigen Archivs für Best-Practice-Projekte im sozio-ökologischen Bereich. Ich habe schon einiges an Vorbereitungen getroffen, weil ich glaube, dass das Konzept der Sozialen Skulptur zur Verwirklichung von vorerst nicht marktfähigen, aber zukunftweisenden sozialen und ökologischen Projekten erfolgreich erprobt werden kann. Dort wo man mit viel Herz hinein geht, dort wo viel persönliches Engagement gefragt ist, hat auch die Kunst ihren Platz und kann erfolgreich eingesetzt werden um die Fenster zum Geist zu öffnen.


Auszüge aus einem Interview vom 3. Juni 2008 im Café Traxlmayr/Linz

Das Interview führte Dr. Walter Spielmann, Gründer und Leiter der Internationalen Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ) Salzburg.


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